Dienstag, 22. Oktober 2013

Kette der Gewalt



"Obwohl wir alle glauben, dass unsere menschliche Art den höchsten Punkt auf der evolutionären Skala darstellt, gibt es einen kritischen Bereich, in dem es uns nicht gelungen ist, uns weiterzuentwickeln, einen Bereich, in dem wir keine Verbesserung gegenüber unseren Vorgängern darstellen. Und dieses Misslingen ist so fundamental, so kritisch, dass unser langfristiges Überleben auf dem Spiel steht. Letzten Endes stellt es eine größere Bedrohung dar als Krieg, Armut, Hunger, Verbrechen, Verbrechen - auch in der Völkermord-Variante - kombiniert. Das fundamentale Misslingen ist dieses: Wir beschützen und bewahren nicht die Unseren. Unser Begriff von der menschlichen "Familie" als dem Schutzwächter unserer Art hat sich nicht weiterentwickelt. Anstelle dessen ist er in die entgegengesetzte Richtung gegangen - er hat sich zurückentwickelt."
Andrew Vachss, Unsere gefährdete Art, 1998




Hochwasser
Andrew Vachss ist ein US-amerikanischer Rechtsanwalt, der ausschließlich Kinder und Jugendliche in Gerichtsverfahren vertritt. Außerdem ist er Krimiautor und greift das Thema Gewalt gegen Kinder - Vernachlässigung, Misshandlung, sexuelle Gewalt - auch in seinen Romanen auf. Bislang habe ich noch nirgendwo, erst recht nicht im deutschsprachigen Raum, vergleichbare Texte wie die von Andrew Vachss gelesen, Texte, die derart klar und kompromisslos für die Rechte der Kinder Partei ergreifen und von einem derart tiefem Verständnis für die schwerwiegenden Folgen emotionaler Misshandlung zeugen.


Mittwoch, 16. Oktober 2013

Mulier taceat in ecclesia II

Fortsetzung von Teil I

Bordell Europas


Soll die Prostitution abgeschafft werden, fragte Günter Jauch in einer seiner Talk-Shows. Die deutschen Männer sind sich, laut Infratest-Umfrage, weitgehend einig: Nein. Leider auch die Frauen: Angeblich 78% von ihnen finden die derzeitigen Verhältnisse offenbar ok. Kein Wunder, wenn in einer frauenfeindlichen Gesellschaft der Hälfte der Bevölkerung offenbar jegliches Gefühl für Menschenwürde abtrainiert worden ist, falls es denn je existiert hat.
In Deutschland ist die Prostitution seit 2002 legal. Ausgerechnet Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger FDP trieb das Deregulierungsgesetz zur Prostitution voran. Das Gesetz wurde am 14. Dezember 2001 mit den Stimmen von SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und PDS gegen die Stimmen von CDU/CSU angenommen. Seitdem stieg die Zahl der Prostituierten sprunghaft an. Dass dadurch erwartungsgemäß auch die Preise für diese Dienstleistung sanken, ist eine Folge der Marktlogik, dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Die Frau wird auf den Status einer allzeit käufliche Ware herabgewürdigt. Inzwischen ist Deutschland das "Bordell Europas", ein Paradies für Menschenhändler, Kinderschänder und Zuhälter. Auch bei diesem Thema lohnt ein Blick in die Webforen, um die Rückständigkeit, das Anachronistische der deutschen Männergesellschaft zu erkennen.
"Tatsächlich gibt es für Städte und Bundesländer nicht so viele Möglichkeiten, gegen Prostitution vorzugehen. Die Bundesregierung hat das Prostitutionsgesetz 2001 neu geregelt. Prostituierte sollte ein Beruf wie jeder andere werden, sozialversichert und besteuert. Wer sich mit Leuten unterhält, die sich in der Szene auskennen, egal ob Polizisten oder Zuhälter, bekommt zwölf Jahre später zu hören, dass sich eigentlich nichts zum Besseren geändert hat. Das gutgemeinte Gesetz nutze vielmehr Zuhältern und Menschenhändlern statt den betroffenen Frauen. (...) Keine Krankenversicherung nimmt eine Prostituierte zu bezahlbaren Konditionen. Und weil der Staat Steuern erheben will, aber die Einnahmen kaum nachprüfen kann, verlangen manche Städte etwa pauschal 25 Euro pro Tag von Bordellbetreibern. Die geben die Kosten meistens an die Prostituierten weiter, auch wenn sie nur 100 Euro am Tag verdienen." (SPIEGEL online, "Saarbrücken: Die Prostitution hat unerträgliche Ausmaße angenommen", 25.09.2013)

Dienstag, 15. Oktober 2013

Häng dich doch auf, du Depri



"Es zeugt nicht von geistiger Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein."
Jiddhu Krishnamurti, indischer Philosoph, 1895-1986 



Blumen und Licht. Aquarell
Depressive Menschen sind ein Lackmus-Test, ein Warnsignal für die Gesellschaft, sie sind Charaktertester für ihr soziales Umfeld, falls sie überhaupt noch eines haben. Depressive sind womöglich die letzten Exemplare dessen, was man früher mit dem Prädikat "menschlich" bezeichnet hat als Gegensatz zu "unmenschlich". 
Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Lauf des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern behandlungsbedürftige psychische Probleme. Die von Jahr zu Jahr steigenden Fallzahlen lassen hoffen, dass irgendwann auch der abgestumpfteste, emotional verkrüppelte Rest erkennt, dass etwas grundsätzlich faul sein muss im System. Es ist kein Zufall, dass sich die Zahl psychischer Erkrankungen in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt haben.

Montag, 14. Oktober 2013

Nagelprobe


"Sechs friedliche Jahrzehnte haben dafür gesorgt, dass die Bürger die Grundrechte nicht mehr als schützenswertes Allgemeingut, sondern als eine Sammlung von Privatansprüchen auf persönliche Bedürfnisbefriedigung missverstehen. Jeder, der sich vom Leben ungerecht behandelt fühlt, besinnt sich auf seine "Grundrechte" wie auf einen Forderungskatalog, den Millionen nörgelnder Einzelkinder ihrem "Vater Staat" entgegenhalten. In Wahrheit sind die Grundrechte ihrer Konzeption nach keineswegs Gutscheine auf persönliche Fürsorge, sondern ein Abwehrschirm gegen staatliche Eingriffe."
Ilija Trojanow/Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit, dtv 2010,. S. 29



Spreetshoogte, Namibia
Was soll man dazu noch sagen? Nichts. Es gibt nichts mehr zu sagen. Und dabei hat man ja schon so einige Verschwörungstheorien gelesen und über die meisten im Stillen geschmunzelt. Die Realität übertrifft einmal wieder die wildeste Sciencefiction-Phantasie. Mahnungen und Warnungen, die man noch vor 5, erst recht vor 10 Jahren zu Datensicherheit und Privatsphäre gelesen oder selber geschrieben hat, wirken jetzt angesichts flächendeckender jahrzehntelanger, systematischer Überwachung fast kleinkariert: Was, darüber konnte man sich früher noch aufregen? In welchem Ausmaß die Einstellung zu Freiheit und Sicherheit während der letzten drei Jahrzehnte gekippt ist, lässt sich im direkten Vergleich zu den Volkszählungsprotesten Anfang der 80er erkennen. Der Zensus 2011 ist auch weitgehend ohne Gegenwehr geschluckt worden.