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Mittwoch, 18. September 2013

Reif zur Übernahme III



"Die alte jüdische Legende von den 36 unbekannten Gerechten, die immer da sind und ohne deren Anwesenheit die Welt in Scherben fiele, sagt letztlich darüber etwas aus, wie notwendig solch 'edelmütiges' Verhalten beim normalen Gang der Dinge ist."
Hannah Arendt, 1948,  Frieden oder Waffenstillstand im Nahen Osten?, S. 68 in dies.: Israel, Palästina und der Antisemitismus, Wagenbach, Berlin 1991, S. 39 - 75




Three Wise Monkeys stencil in Barcelona, Spain, 
by grahamc99, flickr
Deutschland ist mittlerweile ein potemkinsches Dorf. Die Regierung bedient nur noch eine privilegierte Minderheit, die in einer vollkommen abgeschotteten selbstreferentiellen Blase, einem Paralleluniversum lebt. Der Rest, die Mehrheit der Bevölkerung, ist abgeschrieben, sich selbst überlassen, nur noch mit dem zermürbenden Kampf um den bloßen Lebensvollzug, die nackte Existenz beschäftigt: Wohnungssuche, Jobsuche, Suche nach Kitaplätzen, Suche nach Zusatzeinkommen, nach Kreditangeboten, Suche nach der günstigsten KFZ-Werkstätte, der günstigsten Tankstelle, dem günstigsten Strom- und Mobilfunkanbieter, der Beschaffung von Drogen. Wenn die Hälfte der Gesamtbevölkerung, die 40 Millionen Menschen, denen seit Jahren das Wasser bis zum Hals steht, von heute auf morgen verschwinden würden, die Privilegierten würden es vielleicht noch nicht einmal merken. Totale Realitätsverleugnung. Auf dem Papier die viertgrößte Industrienation der Welt, mit einem der höchsten Bruttosozialprodukte, in der Realität, hinter den Pappkulissen verrottete Häuserzeilen, ausgestorbene Dörfer, kaputte Straßen und Bahnstrecken, Slums, organisierte Kriminalität, Gewalt, Armut, Krankheit - wie in den Entwicklungsländern.

Samstag, 25. Mai 2013

Reif zur Übernahme II


"If liberty means anything at all it means the right to tell people what they do not want to hear."
George Orwell, aus dem zensierten Vorwort von "Animal Farm, 1945



Herbst
Diederich Heßling ist wieder da. Nein, ich muss mich korrigieren: Er war nie weg gewesen. Nur eine Weile untergetaucht, das muss so zwischen 1963 und 1974 gewesen sein., vielleicht hat er auch sicherheitshalber bis zum Mauerfall 1989 gewartet, um ganz sicher zu sein, dass die Luft jetzt rein ist.

Am 10.12.2012 berichtete der NDR über den Immobilienmarkt auf Sylt. Hier stehen Luxusvillen im Wert von mehreren Millionen leer, dienen als reine Spekulationsobjekte, während gleichzeitig Saisonarbeiter und Einheimische in überteuerten Mietwohnungen oder auf dem Campingplatz oder gleich auf dem Festland wohnen müssen. Reiche Neu-Sylter beschäftigen Einheimische als Gärtner, Wachmänner und Putzkräfte. Die Dörfer sind nachts ausgestorben, nachbarschaftliche Strukturen zerstört. Schulen schließen, Vereine trocknen aus. Ein privates Elite-Internat ist geplant. Eine Einheimische kommentiert die Situation mit den Worten: "Es ist fast nicht menschlich, was hier passiert". Sylt ist überall, Sylt ist Deutschland im Kleinformat.

Sonntag, 28. April 2013

Reif zur Übernahme I


"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat."
Carl von Ossietsky, 1889 – 1938, Journalist und Schriftsteller



Welle. Aquarell
Sommer 2011. Eine Szene aus einer Kleinstadt in einer strukturschwachen, sprich armen Region. In der Hauptgeschäftsstraße  - einer Einbahnstraße – hält ein weißes Benz Cabrio mit Ledersitzen auf der falschen Straßenseite – zum Parken hat die andere Straßenseite entsprechende Parkbuchten, einige davon sind noch frei -, direkt vor einer Fleischerei. Der Fahrer ist ein älterer Herr mit Halbglatze und Schiebermütze. Er hört bis zum Anschlag aufgedrehte deutsche Schlagermusik. Er steigt aus, geht die zehn Schritte ins Geschäft, kauft ein. Die ganze Zeit spielt die Musik auf voller Lautstärke. Nach dem Einkauf in der Schlachterei zockelt er im Schritttempo weiter die Hauptstraße hinunter.