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Mittwoch, 1. Mai 2013

Psychoindustrie und Glückszwang


"Sentenced to drift far away now
Nothing is quite what it seems
Sometimes entangled in your own dreams.
Well, if we can help you we will
Soon as you're tired and ill.
With your consent
we can experiment further still."
Steve Hackett, Anthony Banks, Entangled, 1976




John Everett Millais, Ophelia, 1852, Tate Gallery, London
Die Imperative prasseln täglich nur so auf uns ein: Sei authentisch! Sei du selbst! Lebe deinen Traum! Höre auf deine innere Stimme, auf dein inneres Kind! Setze anderen Grenzen! Sei ein Teamplayer! Engagiere dich! Denk positiv! Sei achtsam! Sei entspannt! Lebe im Hier und Jetzt! Schau nicht zurück! Überall, in den Medien, in den Ratgeberseiten von Zeitschriften, in den Selbsthilfeforen, wimmelt es von widersprüchlichen Befehlen, nirgendwo gibt es ein Entrinnen. Und wenn wir uns mal erschöpft von all den Selbst- und Fremdansprüchen zurückziehen wollen, müssen wir auch dafür kräftig zahlen: im Wellness Hotel, im klösterlichen Retreat, im Urlaub.

Dienstag, 30. April 2013

Schreckgeweitete Augen



"So kann die Mehrheit einer Bevölkerung extrem selbstentfremdet und hochpathologisch leben, ohne dass das wahrgenommen wird, weil eben 'alle' so sind. Der eine hingegen, der authentisch lebt, sich selbst gut verwirklicht und Begrenzungen akzeptiert, die Realität erkennt und der Wahrheit nahe ist, wird abgelehnt, verfolgt und womöglich aus der Gemeinschaft entfernt."
Hans-Joachim Maaz, Die narzisstische Gesellschaft, S. 47/48



Es hat sich in den reichen Industriegesellschaften eine unheilige Arbeitsteilung etabliert: Die Macher beherrschen die Szene. Die Lauten, die "Ich bin ok! Ich bin toll!"-Typen, die Unreflektierten, also ausgerechnet diejenigen, die aufgrund ihrer Unreflektiertheit eigentlich inhaltlich nicht viel zu sagen haben, während den Stillen, Nachdenklichen die Rolle des dankbaren Publikums zugewiesen wird, das ihren Sprechblasen Beifall zollen soll. Auf kurzfristige Ergebnisse ausgelegtes, extravertiertes Risiko- und erfolgsorientiertes Verhalten dominieren, Immanenz, Hedonismus, Selbstverwirklichung, hemmungsloser Egoismus und Narzissmus.

Sonntag, 28. April 2013

Reif zur Übernahme I


"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat."
Carl von Ossietsky, 1889 – 1938, Journalist und Schriftsteller



Welle. Aquarell
Sommer 2011. Eine Szene aus einer Kleinstadt in einer strukturschwachen, sprich armen Region. In der Hauptgeschäftsstraße  - einer Einbahnstraße – hält ein weißes Benz Cabrio mit Ledersitzen auf der falschen Straßenseite – zum Parken hat die andere Straßenseite entsprechende Parkbuchten, einige davon sind noch frei -, direkt vor einer Fleischerei. Der Fahrer ist ein älterer Herr mit Halbglatze und Schiebermütze. Er hört bis zum Anschlag aufgedrehte deutsche Schlagermusik. Er steigt aus, geht die zehn Schritte ins Geschäft, kauft ein. Die ganze Zeit spielt die Musik auf voller Lautstärke. Nach dem Einkauf in der Schlachterei zockelt er im Schritttempo weiter die Hauptstraße hinunter.