Dienstag, 26. März 2013

Mobbinghochburg Deutschland


"Der Sündenbock als Opfer der Gründungsgewalt ist jedoch niemals lediglich ein Objekt des Hasses, sondern ebenso ein Geschöpf der Verehrung: Er sammelt den einmütigen Haß aller in sich auf, um die Gemeinschaft davon zu befreien. Er ist ein metabolisches Gefäß."
Botho Strauß, Anschwellender Bocksgesang, in: DER SPIEGEL 6/1993, 08.02.1993, S. 202-207



Sinkendes Schiff, Aquarell
Der Begriff "Mobbing" stammt ursprünglich aus der Zoologie. Der Verhaltensforscher  Konrad Lorenz beobachtete ein bestimmtes Verhalten von Gruppenangriffen bei Tieren, insbesondere bei Vögeln, das der Abwehr von Fressfeinden dient. Später wurde der Begriff auch im gruppenpsychologischen Kontext verwendet, wenn Gruppenmitglieder eine Einzelperson attackieren, die in irgendeiner Hinsicht von der Gruppennorm abweicht. Der Arbeitspsychologe Heinz Leymann übertrug die tierischen Verhaltensmuster auf Menschen, speziell im Arbeitsleben.

Mobbing ist aus dem englischen "to mob" abgeleitet und bedeutet belästigen, anpöbeln, über jemanden herfallen, angreifen, attackieren. Das deutsche Wort "Mob" hingegen bezeichnet eine gewaltbereite und gewalttätige Meute, ein Gesindel, einen Pöbel, eine Bande.

Es ist hilfreich, sich den Ursprung dieser Wortbedeutung vor Augen zu führen, wenn man sich mit dem Phänomen beschäftigt. Denn es zeigt sich, dass Menschen mitnichten den Tieren moralisch und intellektuell so weit überlegen sind, wie sie sich gern darstellen.


Was gilt als Mobbing?


Entscheidend für die Frage, ob Mobbing vorliegt, ist die Systematik, Regelmäßigkeit und Gerichtetheit von destruktiven feindseligen Handlungen gegenüber einer Person über einen längeren Zeitraum hinweg (über mehrere Monate, manchmal sogar Jahre). Dieser Prozess beginnt meist schleichend und entfaltet einen typischen Phasenverlauf, eine extreme Eigendynamik. Die Deutungshoheit darüber, welches Verhalten in welchem Ausmaß als feindselig wahrgenommen wird, liegt allein beim Opfer, dem Ziel der aggressiven Attacken, und nicht etwa bei den Angreifern, den Mobbern.

Eines jedenfalls steht fest und kann nicht oft genug wiederholt werden: Mobbing ist methodischer, organisierter Psychoterror mit schweren gesundheitlichen Folgeschäden für das Opfer bis hin zum Selbstmord. Dieses Verhalten lässt sich deshalb auch nicht als emotionale Affekthandlung rechtfertigen oder gar entschuldigen, sondern es ist grundsätzlich bösartig. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe es selbst erlebt.

Mobbing kann auf Dauer nur funktionieren, wenn ein Machtgefälle innerhalb einer Gruppe besteht, also ein ungleiches, rein zahlenmäßiges Kräfteverhältnis (alle gegen einen) oder ungleiche Hierarchiestufen. Mobber nutzen diese Machtgefälle vorsätzlich aus, um ihre Opfer systematisch über einen längeren Zeitraum hinweg zu schädigen, auszugrenzen, im Extremfall in den Selbstmord zu treiben.

Die Definition des Anti-Mobbing-Beraters Dieter Schlund lautet: "Mobbing-Handlungen sind feindliche Angriffe gegen eine oder mehrere Personen, die systematisch und über einen längeren Zeitraum ausgeübt werden, mit dem Ziel, die Betroffenen zu demütigen oder auszugrenzen." Der entscheidende Faktor ist also die Dauer des Mobbings und die destruktive Haltung, der Vernichtungswille der Mobber. Es geht ihnen nicht um die konstruktive Lösung eines Konflikts auf einer Sachebene, sondern ihre Angriffe zielen auf die nachhaltige Schädigung einer Person als Ganzes. Die Angreifer wollen ein auserwähltes Opfer 'eliminieren'. Tatsächlich muss es für Mobbing noch nicht einmal einen konkreten Anlass geben. Es kann buchstäblich jeden treffen. 


Wer wird gemobbt?


Als besonders exponiert und gefährdet gelten Menschen, die sich durch ein oder mehrere Merkmale von der Gruppenkonformität unterscheiden, etwa durch eine Behinderung, die Sprache, anderer Sozialstatus (Herkunft), äußere Auffälligkeiten wie Kleidung, Verhalten, weltanschauliche, religiöse oder politische Ansichten. Auch und gerade in Betrieben gehören die überdurchschnittlich Begabten, Engagierten, Leistungsorientierten sowie die eher Introvertierten dazu. Vor allem die kreativen, leistungsstarken Köpfe sind den weniger motivierten Mitarbeitern ein Dorn im Auge. Angst, Neid und Missgunst sind die treibenden Kräfte hinter dem Mobbing durch Kollegen oder auch durch Vorgesetzte (Bossing). Untersuchungen zeigen, dass Mobbing-Opfer meist gut ausgebildet sind und gern arbeiten. Oft trifft es sogenannte "schwierige Kreative", nonkonformistische Querdenker mit einem hohem Maß an Kreativität und Autonomie einerseits, einem hohen Grad an Neurozitismus andererseits.

Das Ziel des Mobbers ist es immer, das Opfer von seinem Arbeitsplatz zu vertreiben. Das kann ganz einfach persönliche Gründe haben wie etwa Neid, Eifersucht, Missgunst oder schlicht Feindseligkeit. Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz und versuchen daher, Kollegen, Mitbewerber oder Konkurrenten aus dem Weg zu mobben. Manchmal steckt auch das Gefühl der eigenen Inkompetenz dahinter und die Angst, damit aufzufliegen.

Mobbing am Arbeitsplatz - Führungsversagen


Mobbing im Betrieb geht sehr häufig von Vorgesetzten aus (ZEIT online, "Psychoterror als Führungsstil", 18.03.2010), an dem sich oft auch Kollegen beteiligen, solange bis das Opfer von selbst kündigt oder gekündigt wird. Vorgesetze sind aber auch dann mitverantwortlich, wenn sie vom Mobbing unter Mitarbeitern wissen und es stillschweigend dulden. Es ist für einen Betrieb bequemer, einen einzelnen gemobbten Mitarbeiter loszuwerden als eine ganze mobbende Gruppe. Die durch Mobbing erzwungene Krankschreibung, Reha oder Eigenkündigung ist allerdings ein Phyrrus-Sieg. Mobbing bedeutet Krieg am Arbeitsplatz und vergiftet das Betriebsklima nachhaltig, die mobbingbedingten Folgekosten - für den Gemobbten, für den Betrieb, für die Gesellschaft und ihre Sozialversicherungssysteme - sind immens.

Deutschland ist eine Mobbing-Hochburg, und das hat verschiedene Gründe.

Werfen wir zunächst einen Blick auf Zahlen für das Mobbing am Arbeitsplatz. Bereits diese Zahlen machen eines deutlich: Wer heute immer noch glaubt, dass sich die meisten Unternehmer in Deutschland von rationalen, nüchternen Kosten-Nutzen-Abwägungen, vom ökonomischen Effizienzgedanken leiten lassen, täuscht sich gewaltig.

In Deutschland werden 1,5 bis 2 Millionen Menschen pro Jahr gemobbt, Tendenz steigend. Die durch Mobbing verursachten volkswirtschaftlichen Kosten werden für jeden Betroffenen zwischen 29.000 bis 87.000 € jährlich geschätzt. Die Gesundheitskosten allein (Kranktage, Rehabilitationsmaßnahmen, Dauererwerbslosigkeit, Frühverrentung) belaufen sich für jeden Betroffenen auf 6.000 bis 15.000 € jährlich. Der Deutsche Gewerkschaftsbund schätzt den daraus resultierenden volkswirtschaftlichen Schaden auf 15 bis 25 Milliarden € jährlich. Mobbing ist eine No-win-Situation. Unterm Strich gewinnt keiner, aber alle verlieren. 

Das Phänomen ist in der Arbeitswelt mittlerweile derart weit verbreitet, dass der SPIEGEL vom 16.04.2012  ihm einen Titel widmete: "Kollege Feind". Hier ein paar Auszüge:
"Es gibt unzählige Möglichkeiten, einen Menschen so fertigzumachen, dass er zusammenbricht; man kann ihn ignorieren, belächeln, ausgrenzen, aufziehen, hänseln, beschimpfen, anbrüllen, schlagen. Wann die Grenze des Ertragbaren erreicht ist, liegt an der Belastbarkeit der Betroffenen. Es beginnt mit Frust und Zorn und kann im Suizid enden.(...)"
"Das Landesarbeitsgericht Thüringen hat 2001 in einem der ersten Urteile dieser Art in Deutschland Mobbing als "fortgesetzte, aufeinander aufbauende und ineinander übergreifende, der Anfeindung, Schikane oder Diskriminierung" dienende Verhaltensweisen definiert, die "das allgemeine Persönlichkeitsrecht oder andere geschützte Rechte" wie die Gesundheit des Betroffenen verletzen. (...)"
"Anpassung wird belohnt, Andersartigkeit wird bestraft. Diese Logik gilt vermutlich, seit Menschen sich in Gruppen zusammenfinden. So lässt sich auch die anscheinend unzerstörbare Neigung erklären, über andere zu lästern. Der britische Psychologe Robin Dunbar hat das Lästern in seiner Untersuchung "Klatsch aus evolutionärer Perspektive" als soziales Frühwarnsystem beschrieben: Der Tratsch halte Menschen fern, die andere für ihre Zwecke ausnutzen könnten, ohne ihnen etwas zurückzugeben. Zum Beispiel einen übermotivierten Neuling, der die alten Kollegen besonders träge aussehen lässt. (...)"
"Andere Unternehmen holen sich externe Berater, die Führungskräften beibringen, dass nicht jeder Mitarbeiter, der anders als die Mehrheit denkt oder fühlt, ein Spinner ist. Der Berliner Psychologe Reinhard Hoch hat sich auf die Prävention von Konflikten in Betrieben spezialisiert, er sagt, dass viele Chefs die grundlegendsten sozialen Fähigkeiten nicht beherrschten. Er schaue oft in verlegene Gesichter, wenn er Manager frage: Gibt es bei Ihnen ein freundliches Wort am Ende einer Präsentation? Bekommt ein fleißiger Mitarbeiter einen halben Tag frei, einfach so? Hoch hält deshalb gern Vorträge zum Thema "So lobe ich richtig"."
Es ist zu vermuten, dass Mobbing von Unternehmen als perfide, strategische Maßnahme für den Personalabbau eingesetzt wird, um Kündigungsschutzregeln zu unterlaufen oder hohe Abfindungszahlungen zu vermeiden. Der Gemobbte soll zur Eigenkündigung getrieben werden, oder man sorgt durch gezielte Maßnahmen dafür, dass die infolge des Mobbings (Sabotage, Kommunikations- und Informationsverweigerung, Zuweisung entwürdigender Aufgaben, dauerhafte Arbeitsüberlastung, Verleumdungen, Abwertung der Person, etc.) gesunkene Arbeitsleistung als Kündigungsgrund herhalten kann.

Für diese Vermutung sprechen Untersuchungen von Prof. Dieter Zapf, Universität Regensburg, denen zufolge "im deutschsprachigen Raum sogar in über 70% [der Fälle] Vorgesetzte am Mobbing beteiligt sind (...). Das Vorgesetztenverhalten scheint also insgesamt für das Mobbinggeschehen von zentraler Bedeutung zu sein." (Zapf, "Mobbing - eine extreme Form  sozialer Belastungen in Organisationen", S. 2) "Gerüchte bilden dabei die am häufigsten verwendete Strategie, während Angriffe auf die Privatperson selten und körperliche Angriffe sogar kaum vorkommen." (Zapf, a.a.O., S. 3) "Wenn psychometrische Instrumente angewandt werden, zeigen jedenfalls die existierenden empirische Untersuchungen, dass Mobbingbetroffene die PTSD (Posttraumatisches Belastungssyndrom)-Symptomatiken sogar in sehr ausgeprägtem Maße aufweisen (Einarsen,1999a; Leymann & Gustafsson, 1996). " (Zapf, a.a.O., S. 4)

In jedem Fall ist Mobbing im Betrieb sichtbares Zeichen für das Versagen der Unternehmensleitung, weil das Opfer nicht den Schutz erhält, der ihm kraft Arbeitsrecht zusteht. Grund dafür kann eine schwache Führung sein, oder der Chef selbst mobbt – was, wie oben bereits angeführt, statistisch gesehen der häufigste Fall ist.

Typische Mobbingattacken


Mobbing-Attacken speziell am Arbeitsplatz werden wie folgt beschrieben und kategorisiert:

1. Angriffe auf die Möglichkeiten, sich mitzuteilen:
  • Der Vorgesetzte schränkt die Möglichkeit ein, sich zu äußern.
  • Man wird ständig unterbrochen.
  • Kollegen schränken die Möglichkeit ein, sich zu äußern.
  • Anschreien oder lautes Schimpfen.
  • Ständige Kritik an der Arbeit.
  • Ständige Kritik am Privatleben.
  • Telefonterror.
  • Mündliche Drohungen.
  • Schriftliche Drohungen.
  • Kontaktverweigerung durch abwertende Blicke oder Gesten.
  • Kontaktverweigerung durch Andeutungen, ohne dass man etwas direkt anspricht. 
2. Angriffe auf die sozialen Beziehungen:
  • Man spricht nicht mehr mit dem/der Betroffenen.
  • Man lässt sich nicht ansprechen.
  • Versetzung in einen Raum weitab von den Kollegen.
  • Den Arbeitskollegen/innen wird verboten, den/die Betroffenen anzusprechen.
  • Man wird „wie Luft“ behandelt.
3. Angriffe auf das soziale Ansehen:
  • Hinter dem Rücken des/der Betroffenen wird schlecht über ihn/sie gesprochen.
  • Man verbreitet Gerüchte.
  • Man macht jemanden lächerlich.
  • Man verdächtigt jemanden, psychisch krank zu sein.
  • Man will jemanden zu einer psychiatrischen Untersuchung zwingen.
  • Man macht sich über eine Behinderung lustig.
  • Man imitiert den Gang, die Stimme oder Gesten, um jemanden lächerlich zu machen.
  • Man greift die politische oder religiöse Einstellung an.
  • Man macht sich über das Privatleben lustig.
  • Man macht sich über die Nationalität lustig.
  • Man zwingt jemanden, Arbeiten auszuführen, die das Selbstbewusstsein verletzen.
  • Man beurteilt den Arbeitseinsatz in falscher oder kränkender Weise.
  • Man stellt die Entscheidungen des/der Betroffenen in Frage.
  • Man ruft ihm/ihr obszöne Schimpfworte oder andere entwürdigende Ausdrücke nach.
  • Sexuelle Annäherungen oder verbale sexuelle Angebote.
4. Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation:
  • Man weist dem/der Betroffenen keine Arbeitsaufgaben zu. 
  • Man nimmt ihm jede Beschäftigung am Arbeitsplatz, so dass er sich nicht einmal selbst Aufgaben ausdenken kann.
  • Man gibt ihm sinnlose Arbeitsaufgaben.
  • Man gibt ihm Aufgaben weit unter seinem eigentlichen Können. 
  • Man gibt ihm ständig neue Aufgaben.
  • Man gibt ihm „kränkende“ Arbeitsaufgaben.
  • Man gibt dem/der Betroffenen Arbeitsaufgaben, die seine/ihre Qualifikation übersteigen, um ihn zu diskreditieren.
5. Angriffe auf die Gesundheit:
  • Zwang zu gesundheitsschädlichen Arbeiten.
  • Androhung körperlicher Gewalt.
  • Anwendung leichter Gewalt, z.B. um jemandem einen „Denkzettel“ zu verpassen.
  • Körperliche Misshandlung.
  • Man verursacht Kosten für den / die Betroffenen, um ihm/ihr zu schaden.
  • Man richtet physischen Schaden im Heim oder am Arbeitsplatz des/der Betroffenen an.
  • Sexuelle Handgreiflichkeiten. 
Viele dieser Mobbing-Strategien, wie zum Beispiel Lästereien, Verleumdungen, Verweigerung der Kommunikation mit dem Gemobbten, lassen sich nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in anderen sozialen Gruppen beobachten. Mobbing einer größeren Gruppe gegen eine Einzelperson in geschlossenen sozialen Verbänden wie etwa in Schulen, aber auch in Internet-Netzwerken oder innerhalb provinzieller Kleinstädte zielt darauf ab, eine wie auch immer geartete, als positiv imaginierte Gruppenidentität auf Kosten des Gemobbten, des Sündenbocks, des Außenseiters aufrechtzuerhalten. Wissenschaftliche Studien weisen daraufhin, dass Frauen eher das soziale, Männer dagegen eher das berufliche Ansehen des Opfers zu zerstören versuchen.

Die Folgen



Zu den betrieblichen direkten und verdeckten Kosten gehören hohe Fluktuation, ein vergiftetes Arbeitsklima, innere Kündigung, schlechte Arbeitsleistung, hoher Krankenstand, ein ruiniertes Firmenimage. Die Opfer werden im Verlauf eines Mobbing-Prozesses auf allen Ebenen extrem belastet. Je länger das Mobbing andauert, desto schwerwiegender werden alle Lebensbereiche des Betroffenen beeinträchtigt. Das Opfer ist zuletzt nicht selten gesundheitlich, sozial und finanziell am Ende. Neurologische Untersuchungen zeigen: Soziale Ablehnung – und Psychoterror, psychische Gewalt einer Gruppe gegen eine Einzelperson über Monate und Jahre hinweg ist die denkbar bösartigste und destruktivste Form der Ablehnung -aktiviert im Gehirn dieselben Areale wie bei körperlichem Schmerz. An gesundheitlichen Folgen für Gemobbte wurden beobachtet: Schlafstörungen, extreme Abmagerung, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, innere Unruhe, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen, Herz- und Kreislaufbeschwerden, Nervenzusammenbrüche, Grübelzwang, soziale Phobie und Isolation, Suizid. 15 bis 20% der Selbstmorde in Deutschland werden Mobbingsituationen zugeschrieben. Jeder Suizid infolge Mobbings ist aus meiner Sicht Mord, schon allein deshalb, weil man es dabei mit geplantem, vorsätzlich destruktivem Verhalten zu tun hat. Jeder Selbstmord infolge Mobbings ist eine Begnadigung des Täters. Das Opfer, das sich selbst zugrunde richtet, trägt damit dazu bei, dass die Täter ihr schlechtes Gewissen übertünchen können: Du Opfer, bist ja selber schuld, hast es nicht anders verdient. Dadurch, dass sich die Opfer selbst vernichten, retten sie die Täter. Eine unverdiente, geschenkte Rettung.


Das Problembewusstsein über Mobbing und die weitreichenden Schäden sowohl für Betroffene als auch für das Umfeld sind in Deutschland trotz der immer weiter steigenden Fallzahlen, gelinde gesagt, skandalös unterentwickelt. Nach wie vor ist Mobbing am Arbeitsplatz in Deutschland kein Straftatbestand, während z.B. laut mobbing-web.de Schweden, Frankreich, Serbien, Norwegen, Finnland, Dänemark, Belgien, die Niederlande und die Schweiz gesetzlich verankerte Bestimmungen zum Schutz gegen Mobbing am Arbeitsplatz eingeführt haben. 1963 wurde in Neuseeland das erste Gesetz zur Opferentschädigung erlassen, erst 13 Jahre später zog Deutschland nach. Opferverbände wie Der Weiße Ring beklagen, dass die Zahlen zur Praxis des Opferentschädigungsgesetzes für die gesamte Bundesrepublik ernüchternd sind. Von den im Jahr 2008 rund 210.000 unter dem Begriff Gewaltkriminalität erfassten Fällen wurde nur von 10,5 Prozent der Anspruchsberechtigten ein Antrag gestellt. Immer wieder werden in den Medien Fälle bekannt, bei denen auf perfide Weise die Durchsetzung von Opferansprüchen systematisch verhindert werden, z.B. durch jahrelange Gerichtsprozesse und Gutachten-Schlachten, wobei ganz offensichtlich in menschenverachtendster Weise auf den Tod des Opfers spekuliert wird. Es wird allerhöchste Zeit, dass auch Opfer psychischer Gewalt, also Mobbingopfer, einen Rechtsanspruch auf eine gesetzliche Entschädigung erhalten, dass Mobbing auch juristisch zu dem wird, was es bereits faktisch ist, nämlich ein Angriff auf die körperliche und seelische Unversehrtheit eines Menschen, eine schwere Straftat.

Lediglich aus der Fürsorgepflicht gemäß Arbeitsschutzgesetz ergeben sich weitreichende Pflichten des Arbeitgebers, Mobbing zu unterbinden. Jeder Betroffene sollte deshalb sofort den Personalbeauftragten, den Betriebsrat oder die Firmenleitung informieren. Ignoriert der Arbeitgeber die Problematik oder findet keine geeignete Abhilfe, kann das Opfer Schadensersatzansprüche geltend machen. Der Schadensersatz bezieht sich auf Therapiekosten, Rechtsanwaltskosten, Schmerzensgeld.

Täterschutz statt Opferschutz


In Deutschland und in deutschen Unternehmen herrscht immer noch eine Täterkultur: Die Betroffenen, die Opfer müssen sich dafür rechtfertigen, gemobbt zu werden:
"Die Irrenhäuser sorgen für einen perfiden Rollenwechsel: Die Opfer werden als Denunzianten angeprangert, die ihre Kollegen als böse Mobber verpfeifen, während diese angeblich den ganzen Tag die Friedenspfeife rauchen. Nur der Zufall spült manchmal das Beweismaterial an die Oberfläche. So tauchte im Februar 2012 ein Mobbing-Leitfaden auf, den Führungskräfte der Deutschen Post entwickelt hatten. Die Überschrift hätte von der Stasi stammen können: 'Umgang mit auffälligen Kräften in der Ist-Zeit'. In dem Papier werden die unerwünschten Mitarbeiter in vier Typen eingeteilt: 'Langsame', 'Motzbrüder', 'Sozialfälle' und 'Alte'. (Spiegel online, "Mobbing? Bei uns? Ich bitte Sie!"30.01.2013) 
Beispielhaft für diese Verdrehung der Täter-Opfer-Beziehung ist eine Karriere-Kolumme auf SPIEGEL online vom 04.04.2012, in der Berater und Coaches den Betroffenen Ratschläge erteilen, was sie selber hätten, könnten, müssten. Zu Recht empören sich die meisten Kommentatoren darüber. 
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Allein dieses Beispiel zeigt, wie viel ein Menschenleben, genauer ein Frauenleben in Deutschland wert ist: Hier kann ein Psychopath 14 Jahre lang ungestört und ungestraft eine Frau tyrannisieren. Die Begründung der Staatsanwaltschaft spricht Bände: Eine Verfolgung liegt nicht im öffentlichem Interesse. Dazu passt die Beckmann-Sendung vom 24.01.2013 "Stalking –Wehrlos gegen Psychoterror?", in der SPIEGEL-Redakteur Kurbjuweit von seinen eigenen traumatischen Erlebnissen mit einem Stalker berichtete und dem ein Polizist riet, sich eine Waffe anzuschaffen. Wo das Gesetz versagt, wird der Weg frei für Selbstjustiz.

Die im Rudel Angegriffenen werden bestraft, die feigen Angreifer belohnt. 80% der Mobber im Betrieb sind "erfolgreich", d.h. auch hier zeigt sich die Pervertierung aller Werte, die vormals jahrhundertelang als zivilisiert galten, das ins Psychopathische gekippte toxische System, das durch Repression, Konformitätsdruck, Unfairness, Sadismus gekennzeichnet ist. Die psychosozialen Folgen für die Opfer und deren Angehörige (Partner, Kinder -  ja, auch sie sind betroffen, auch sie werden geschädigt!), sind immens, werden aber immer noch ignoriert. Selbst diejenigen Opfer, die ein Mobbing scheinbar unbeschadet überleben, sind danach nie mehr dieselben wie früher. Es findet eine Persönlichkeitsveränderung statt. Im Hirnstoffwechsel ist die Traumatisierung auf Dauer eingebrannt. Diesen Menschen sind Wunden geschlagen worden, die jederzeit wieder aufbrechen können. Die Vulnerabilität steigt, die Resilienz sinkt. Das Vertrauen, dass es in dieser Welt im Großen und Ganzen gut und gerecht zuginge, ist ein für alle mal weg. An seine Stelle tritt ein generelles Misstrauen, das allem und jedem grundsätzlich das Schlechteste unterstellt. Wieder einer weniger von denen, die anderen Menschen so ein destruktives Verhalten wie Mobbing nie zutrauen würden, weil sie  - ungerechtfertigterweise, wie sie aufs Schmerzlichste feststellen müssen – von sich selbst, von ihrer reifen Persönlichkeit auf andere schließen, einer Persönlichkeit nämlich, die in der Lage ist, Konflikte auf erwachsene Art zu lösen, durch direkte herrschaftsfreie Konfrontation auf Augenhöhe, durch ehrliche Aussprache. Wieder eine tickende Zeitbombe mehr auf der Welt. Wieder ein Stück Anstand und Empathie weggebrochen von dem Kitt, der diese Gesellschaft noch notdürftig zusammenhält. Das kapitalistische Dogma "Entweder ich oder du", der reine Sozialdarwinismus hat sich festgesetzt wie ein wuchernder Krebs, in den Institutionen, in den Menschen selber.

Die Täter


In deutschen Firmen regiert das Mittelmaß, und zwar auch und gerade in den höheren Etagen. Eine Duldung von Mobbing durch Mitarbeiter oder gar eine aktive Beteiligung von oben ist immer ein Zeichen von Führungsschwäche und  -inkompetenz, wovon die Führungskräfte natürlich ablenken wollen. Besonders alteingesessene Familienbetriebe, die streng autoritär geführt werden, sind ein idealer Nährboden für Mobbing, auch deshalb, weil das Führungspersonal kaum eine andere, besondere Qualifikation mitbringen muss als die Familienzugehörigkeit. In jedem Fall ist Mobbing ein Zeichen für schlechtes Arbeitsklima, das von Angst, Misstrauen, Denunziantentum, Sabotage geprägt ist, wo Kollegen sich gegenseitig belauern und bespitzeln, wo hemmungslos gelästert und und gezickt wird. Schlechte Arbeitsbedingungen, wie ineffiziente Organisation, unklare Zuständigkeiten, Monotonie, Stress, mangelhafte Kommunikations- und Informationsstruktur, ungerechte Arbeitsverteilung, Über- und Unterforderung, widersprüchliche Anweisungen, mangelnder Handlungsspielraum bieten ein ideales Umfeld für Mobbingattacken. Der Frust sucht sich sein Ventil.

Wenn Erwachsene sich zum gemeinschaftlichen Mobbing verabreden, haben wir es nicht zuletzt auch mit einem Rückfall in ein infantiles, unprofessionelles Verhalten zu tun, das man auf einem Schulhof erwarten könnte, aber nicht in der Arbeitswelt. Mobbing ist eine Regression auf eine pubertäre Stufe der Persönlichkeitsentwicklung und Individuation, weil seine Mechanismen auf gruppendynamische Schulhof-Rituale der Abgrenzung und Ausgrenzung - du bist anders, du gehörst nicht zu uns - basieren. Deshalb ist Mobbing auch Symptom einer völlig degenerierten Reflexions- und Selbstreflexionskompetenz. Auf eine kommunikative Meta-Ebene können sich nur hinreichend Reflektierte begeben, sie jedoch werden im Arbeitsprozess, in der Gesellschaft als erstes ausgegrenzt und eliminiert. Übrig bleiben komplett instinkt- und reptilienhirngesteuerte Zombies, die nur noch nach dem Reiz-Reaktionsschema funktionieren. Diese Abwärtsspirale ist nicht mehr zu stoppen.

Mitarbeiter und insbesondere Führungskräfte werden für ihre Arbeitsleistung und Arbeitsergebnisse bezahlt und nicht dafür, Intrigen zu spinnen und Kollegen aus dem Betrieb zu mobben, aus welchen fadenscheinigen, willkürlichen Gründen auch immer. Wenn Mobbing erst einmal in einem Betrieb salonfähig geworden ist, leiden Arbeitsmotivation und Produktivität dauerhaft, was wiederum Mobbing begünstigt - ein Teufelskreis.

Der typische Mobber hat in der Regel einen ausgeprägten Tunnelblick, er kann die Dinge nur aus seiner eigenen egozentrischen Perspektive sehen ("Wenn Frau X / Herr Y weg ist, habe ich kein Problem mehr") und nicht aus der Unternehmensperspektive, er fühlt sich schnell bedroht und neigt dazu, mittels Projektion andere für seine eigenen Probleme verantwortlich zu machen, die er dann angreift, um seinen Status zu sichern. Die Angriffe sind grundsätzlich deshalb unfair und hinterhältig, weil der Mobber genau weiß, dass er bei einer offenen, fairen Auseinandersetzung keine Aussicht auf Erfolg hätte. Und jeder, der bei Mobbingtaten passiv zuschaut, macht sich mitschuldig, ist stummer Beteiligter, wenn er nicht gar im Stillen das widerwärtige Schauspiel aus sicherer Distanz sadistisch genießt. Oftmals kriechen im Zuge kollektiver Mobbing-Attacken gern diejenigen als Mittäter aus ihren Löchern hervor, die sich ein solches Verhalten unter normalen Umständen nie trauen würden. Es erfordert allerdings jede Menge Rückgrat, Selbstbewusstsein, Gerechtigkeitsempfinden, Reflektiertheit und innere Stärke, um sich gegen eine mobbende Gruppe zu stellen und sich für den Gemobbten einzusetzen.

In einem Interview auf Arte TV am 5. Mai 2013 berichtete die französische Schauspielerin Isabel Adjani von der Hetze und den Verleumdungen, denen sie in den Medien jahrelang ausgesetzt gewesen ist. Sinngemäß lautete ihre resignierte Erkenntnis: Es gebe eine Art von Hetze, die nie aufhört, die immer weiter geht, weil sich sonst der Schuldige schuldig fühlen und Reue zeigen müsste, deshalb müsse die Schuld weiterhin bei dem Unschuldigen liegen. Das ist von Adjani sehr fein und genau beobachtet, ich selber habe diese Erfahrung, diese kollektive, manische Schuldabwehr, ebenfalls machen müssen.

Psychoterror eines Mobs gegen Einzelpersonen gedeiht besonders gut in geschlossenen, intransparenten, hierarchisch strukturierten sozialen Gruppen ohne externe, öffentliche Kontrolle, mit starken Abhängigkeitsverhältnissen der Gruppenmitglieder untereinander, z.B. in Familien, Sekten, ländlichen Dorfgemeinschaften.

Das Buckeln nach oben und das Treten nach unten im Rudel, der autoritäre Charakter, der sich am wohlsten fühlt in starren Hierarchien, gehört offenbar zur tief verwurzelten Un-Kultur dieses Landes. Dieser Beißreflex, gerade auch gegenüber Begabten, Leistungsfähigen, Kompetenten lässt sich bereits in den Schulen beobachten. Ein Forist im Internet bemerkt dazu treffend: "In keinem Land der Welt werden Schüler von ihren Mitschülern wegen guter Leistungen in einem solchen Ausmass als Streber angefeindet und fertig gemacht wie in Deutschland."

Insgesamt gesehen begünstigt das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem skrupellose, schikanierende Verhaltensweisen, anstatt ihnen systematisch und nachhaltig Einhalt zu gebieten. Wissenschaftliche Studien zeigen: Menschen mit pathologischer, narzisstischer Persönlichkeitsstörung sind in der Privatwirtschaft, und hier besonders in Führungspositionen weit verbreitet.
"Ebenso sind sich Wissenschaftler einig, dass etwa ein Prozent der männlichen Gesamtbevölkerung verhaltensauffällig ist, egal, in welchem Land (bei Frauen ist dieser Anteil geringer). In Deutschland wären demnach mehr als 400.000 Männer betroffen – allerdings gibt es hierzulande "nur" etwa 60.000 Strafgefangene. Längst nicht alle Psychopathen sitzen im Gefängnis", sagt daher der Experte Robert Hare, "manche sitzen auch in der Vorstandsetage." (ZEIT online: "Was Chefs mit Psychopathen gemein haben", 07.09.2010).
Sie überschätzen ihre Fähigkeiten notorisch, neigen zu Neid und Missgunst gegenüber begabteren Mitarbeitern, vertragen keinerlei Kritik, sind auch völlig unfähig zu jeglicher Selbstdistanz, Selbstreflexion und Selbstkritik, verfolgen rücksichtslos ihre eigenen egoistischen Interessen und vernachlässigen dabei die übergeordneten Interessen ihrer Abteilung, ihrer Firma, neigen zu grenz- und rechtsüberschreitendem Verhalten, wähnen sich aufgrund ihrer eingebildeten Großartigkeit über dem Gesetz stehend, was zu strafbaren Handlungen wie gezielten Verleumdungen, sexuellen Übergriffen und körperlicher Aggression führen kann. Dabei handelt es sich bei Narzissten im Kern um extrem selbstunsichere Menschen, die ständig nach Bewunderung, nach Bestätigung (narzisstische Zufuhr) durch andere gieren.

Man muss sich beim Thema Mobbing eines völlig klar machen: Diese psychopathisch Verhaltensgestörten sind bereit, über Leichen zu gehen, und zwar im Wortsinn. Und zwar dann, wenn die Gefahr besteht, dass ihre glänzende Fassade durchschaut wird, wenn jemand es wagt, ihnen den Spiegel vorzuhalten, das Spiel nicht mehr mitspielt, wenn es tatsächlich einmal dazu kommt, dass sie öffentlich für ihre Fehler haftbar gemacht werden.

Die französische Psychoanalytikerin und Viktimologin Marie-France Hirigoyen hat in einer aufsehenerregenden Studie die "Masken der Niedertracht" enttarnt, die Strategien der von ihr konsequent als Täter bezeichneten Perversen am Arbeitsplatz, in Paarbeziehungen, in Familien aufgezeigt. Das Grundübel besteht darin, dass maligne, bösartige Narzissten und Psychopathen keinerlei Empathie, keinerlei Schuldgefühle empfinden. Es besteht nicht einmal im Ansatz ein Unrechtsbewusstsein. Das Opfer ist für sie kein Mensch mit eigenen Grundrechten und einer eigenen Würde, sondern ein willen- und rechtloses Objekt, eine leblose Sache, über das der Narzisstisch-Perverse nach Belieben verfügen darf,
"Bei extremer Selbstbezogenheit kann eine Kränkung des Selbstwertgefühls zu einem 'malignen Narzissmus' führen, wie der Psychoanalytiker Otto Kernberg diese Form der Persönlichkeitsausprägung genannt hat. Andere Menschen werden dann nicht mehr als humane Subjekte gesehen, sondern als dehumanisierte Objekte, die wahllos niedergeschossen werden können."  (SZ online: "Der Mörder in uns"27.07.2011, am Beispiel von Anders Breivik)
oder es wird als unmündiges Kleinkind betrachtet, das man beaufsichtigen und bestrafen muss.


Strategien gegen Mobbing


Bei den Abwehrstrategien gegen einen Mobber gilt es zu bedenken: Je großmütiger und nachsichtiger man sich ihm gegenüber verhält, desto stärker wird seine Bösartigkeit aufgestachelt. Er muss, um sein eigenes brüchiges, verletzliches Selbstbild aufrechtzuerhalten, alles daran setzen, das Opfer auf seine eigene niedrige amoralische Stufe herabzuziehen, es zu Aktionen provozieren, die dann wiederum dazu geeignet sind, dem Opfer als Auslöser für den Konflikt darzustellen, wobei der Rest der Gruppe, z.B. andere Kollegen oder Familienmitglieder, sich oftmals feige zurückhält, aus Angst, selber zur Zielscheibe zu werden. Ich selber empfehle, schon bei den geringsten Anzeichen das Gespräch mit Personalverantwortlichen und Vorgesetzten zu suchen und die eventuellen Folgen deutlich zu machen (Krankschreibung, Schadensersatz, Schmerzensgeld) und eine Frist zu setzen für die Aussprache bzw. die Beendigung des Konflikts, außerdem eine Dokumentation der einzelnen Vorfälle anzulegen, mit den Informationen an die Öffentlichkeit zu gehen (örtliche und überregionale Presse), sich Unterstützung bei Selbsthilfegruppen und -foren und bei spezialisierten Anwälten zu holen. Manchmal hilft es auch, eine Belohnung auszusetzen für sachdienliche Hinweise bei anonymen Mobbingattacken (z.B. Rufmord) aus dem Hinterhalt. Mobber sind in der Regel ausgesprochen feige. Wenn sie merken, dass sie mit massiver Gegenwehr rechnen müssen, ziehen sie sich meist zurück.


Wer sich als erwachsenes Opfer genötigt sieht, anderen Erwachsenen Grenzen zu setzen, notfalls durch strafrechtliche Maßnahmen, nicht nur bei Mobbing, sondern auch bei Verleumdung, Stalking, Tätlichkeiten infolge Alkoholmissbrauchs, reinszeniert im Grunde das Eltern-Kind-Verhältnis. Einem reifen Erwachsenen sollte man keine Grenzen setzen müssen, die sollte er von selber kennen. Sollte. Meiner leidvollen Erfahrung nach sieht die Realität anders aus. Dumpfbacken sind zu abgestumpft, um zu erkennen, wenn sie andere verletzen. Dummheit schützt zwar vor Strafe nicht, aber in diesem Fall wäre zumindest kein Vorsatz vorhanden. Die schlimmere Variante ist die, die heute zum Normalfall geworden ist, die absichtliche, systematische, berechnende Grenzverletzung mit der sadistischen Absicht, dem anderen zu schaden, auf welche Art auch immer. Wobei das Unrechtsbewusstsein, eine Grenzverletzung begangen zu haben, gar nicht mehr vorhanden ist, im Gegenteil: Der Angreifer nimmt für sich in Anspruch, ein Recht darauf zu haben. Wir haben es in der heutigen Gesellschaft vorwiegend mit Menschen zu tun, die auf der Entwicklungsstufe von narzisstischen Zweijährigen stecken geblieben sind, die ihren Willen, ihr Ego durchsetzen müssen, koste es was es wolle. Diese Regression, dieser Entwicklungsrückfall ist nicht mehr aufzuholen oder zu kompensieren.

Schlussendlich muss man konstatieren, dass das Krankheitsbild des Narzissten oder Psychopathen als kaum oder gar nicht therapierbar gilt. Das bedeutet für die Betroffenen insbesondere am Arbeitsplatz: In den meisten Fällen ist eine Auseinandersetzung mit persönlichkeitsgestörten Kollegen oder gar Vorgesetzten aussichtslos. Hier kann die Lösung nur darin liegen, die pathogene Situation so schnell wie möglich zu verlassen – und das Ganze für den Arbeitgeber so teuer wie möglich machen! Der Mobber, der Täter wird sich ein neues Opfer suchen – ohne kann er nicht leben und arbeiten – und das Spiel kann von vorn losgehen, solange, bis die Fluktuation derart zunimmt, dass die betrieblichen Abläufe praktisch lahm gelegt werden und der Ruf der Firma durch das Fehlverhalten seiner Mitarbeiter und Führungskräfte komplett ruiniert ist.

Auf betrieblicher Ebene findet somit im kleineren Rahmen dasselbe statt wie auf gesellschaftlicher Ebene: eine konsequente Negativ-Auslese, bei der oftmals die sensiblen, sozial Kompetenten, Anständigen - diejenigen, die anderen Menschen ein derart bösartiges, destruktives Verhalten gar nicht zutrauen, weil sie selber dazu nicht in der Lage wären -, angesichts der Kritischen Masse der Verhaltensgestörten den Kürzeren ziehen und sozusagen flächendeckend aus dem Verkehr gezogen werden – wodurch sich ein behandlungsbedürftiges pathologisches Verhalten als soziale "Norm" etablieren kann.

Bleibt noch die Frage, inwieweit Mobbing ein Phänomen des 21. Jahrhunderts ist, bedingt oder begünstigt durch Veränderungen in der Gesellschaft oder im Arbeitsleben, das inzwischen nur deshalb stärker in den öffentlichen Fokus rückt, weil das Problembewusstsein gestiegen ist (ähnlich wie bei der "Volkskrankheit Depression"), oder ob es sich um ein allgemein anthropologisches Verhaltensmuster handelt, ob Menschen also immer schon gemobbt haben.

Es kann für mich kein Zweifel daran bestehen, dass es in Deutschland -  in der Mobbinghochburg Europas und der Welt, wohlgemerkt! - einen unübersehbaren und unmittelbaren Zusammenhang gibt zwischen 
1. dem Ausmaß des Mobbings und Psychoterros in der Arbeitswelt,
2. dem Renditedruck und der durchökonomisierten Lebenswelt, 
3. den instabilen sozialen Beziehungen, 
4. den überproportional durch Sozio- und Psychopathen, d.h. durch Menschen jenseits aller bis dato anerkannten Moralvorstellungen besetzten Führungspositionen und 
5. der Dominanz des deutschen autoritären Sozialcharakters, des Buckelns und Tretens.

Für mich ist Mobbing und Psychoterror ein Ausdruck der strukturellen Gewalt, die durch die extrem renditeorientierte Arbeitswelt auf jeden Einzelnen ausgeübt wird. Letztlich ist das Phänomen eine Bankrotterklärung für jedes Unternehmen, in dem gemobbt wird, für die Gesellschaft. Es steht außerdem zu befürchten, dass Mobbing von der Wirtschaft, von den Führungskräften erwünscht ist, entweder weil sie glauben, sich dadurch selber aus der Schusslinie nehmen und von ihren Defiziten ablenken zu können, oder weil sie schlicht darauf angewiesen sind, ihre schwere pathologische Persönlichkeitsstörung an ihren Mitarbeitern ausagieren zu müssen. Denn wem genau nützt Bossing und Mobbing eigentlich? Doch nur den Unternehmern – zumindest innerhalb ihrer selbstreferenziellen Blase aus kurzfristigem Renditedenken und ihrer zutiefst menschenfeindlichen Grundüberzeugung: Selbstmorde sind billiger als Abfindungen; nur ein angstgetriebener, unglücklicher, weil dadurch manipulierbarer Mitarbeiter ist ein guter Mitarbeiter; Eigennutz geht vor Gemeinwohl. Dies ließe allerdings Rückschlüsse zu auf eine besonders in Deutschland mittlerweile vollkommen degenerierte Führungseinstellung, auf eine völlig aus dem Lot geratene, amoralische Unternehmenskultur zu.

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